Blog > wiLsoN 08.01.2017 um 11:09 Uhr
eSport bald ohne seine Traditionsvereine?
Michael Decker, Leiter von escene, engagiert sich zuletzt vermehrt im Produzieren von deutschsprachigen Videos in Form einer Kolumne via YouTube. Dieser Blogeintrag ist bezugnehmend auf seine Meinung zur Gefahr des Einstiegs diverser Sportvereine in den eSport.

Als Gefahren für den eSport bezeichnet Michael einerseits das Verschwinden von traditionellen eSport-Vereinen, wie es teamKR einer ist, weil die Sportvereine die Spieler zum Teil mit exorbitanten Gehältern locken, Vereine aufkaufen. Eine These ist, diese würden womöglich ihr Engagement wieder einstellen, sobald sie festgestellt haben, dass der eSport nicht profitabel genug sei um ein weiteres Investment zu rechtfertigen. Andererseits sieht er Gefahren für die Fans, indem der Wirtschaftszweig eSport stärker monetarisiert werden wird und künftig seitens der Veranstalter mehr Pay-Per-View-Systeme angeboten werden würden, statt wie bisher auf kostenlose Live-Streams zu setzen.

Richtig ist, die Einstiege von traditionellen Sportvereinen oder auch weiterer Investoren, in den U.S.A. zuletzt vermehrt ehemalige Basketballprofis, spülen Geld in das Ökosystem eSport. Dies kann Fluch oder Segen sein, abhängig von der Perspektive, aus der man den Geldregen betrachtet.

Streaming Desk bei der ESL Meisterschaft 2016 Winter
Streaming Desk bei der ESL Meisterschaft 2016 Winter, Foto: CS PIX
Bereits vor einigen Jahren habe ich die These aufgestellt, der Markt müsse sich bereinigen, da es ein Überangebot von Vereinen gebe. Viele Vereine bieten national seit Jahren in etwa dasselbe Level an Support für gewisse Teams. Da geht es um Nuancen, die für junge Spieler bereits ausschlaggebend für einen Wechsel sind. Das Problem dabei sind nicht vorhandene oder nicht wasserdichte Spielerverträge, wodurch solche Transfers im Regelfall für den ehemaligen Club zu einem Verlustgeschäft werden, obwohl man Zeit und Geld in den Akteur investiert hat und eine langfristige Zusammenarbeit angestrebt hatte.

Sportvereine verfügen über das notwendige Know-How an dieser Stelle, während gerade die traditionellen eSport-Vereine, wenn man die Top-Vereine ausklammert, eindeutig Nachholdbedarf haben. Es wird ein Ausdünnungsprozess einsetzen. Clubs, wo 16-Jährige Schüler oder Mediengestalter ohne BWL-Kenntnisse die Leitung inne haben, werden weniger werden. Die nötige Professionalität fehlt um mit den "A-Teams" mithalten zu können und auch ein System, das "B-Teams" von der anstehenden stärkeren Monetarisierung profitieren lässt. Davon lässt sich derzeit nur träumen, denn einen zentralen Dachverband, der solche Umverteilungen zuverlässig reguliert, gibt es in dieser Form noch nicht. Dies ist allerdings unerlässlich, damit die Professionalisierung auch bei den "B-Teams" voranschreiten kann.

Die aktuell kostenlosen Live-Streams resultieren aus dem Fortschritt der Technik und dem Fakt, dass althergebrachte Fernsehsender weiterhin den Einstieg in den eSport scheuen. Tests bei Spartensendern liefen durchwachsen. ZDFkultur übertrug ESL-Veranstaltungen, ProSiebenMAXX wagte sich mit der ELEAGUE an Counter-Strike. Mit dem Erfolg, dass der Vorstand beim ersten Gegenwind kalte Füße bekam und alle Aktivitäten umgehend eingestellt wurden.
Zuschauer bei der ESL Meisterschaft 2016 Winter
Zuschauer bei der ESL Meisterschaft 2016 Winter, Foto: CS PIX
Die Zahl der eSport-Fans wächst, das Durchschnittsalter der Zuschauer wird in den nächsten Jahren sukzessive zunehmen und dadurch steigen auch die potenzielle Kaufkraft sowie die Bereitschaft, Pay-Per-View-Angebote wahrzunehmen, weiter an. Parallel arbeiten mehr Menschen im eSport, die am Monatsende ihren Gehaltsscheck sehen wollen. Die Pay-Per-View-Variante wird kommen und könnte vielen Vereinen, so man dafür eine vernünftige Regelung findet, zugute kommen.

Gefragt sind zudem Turnierveranstalter, allen voran Unternehmen wie die ESL, die den eSport nicht bloß als Marketinginstrument nutzen, sondern ihr Kerngeschäft darin sehen. Diese haben ein natürliches Interesse daran, dass das Ökosystem eSport nicht kippt, da sie davon abhängig sind. Entsprechend positiv sehe ich die Bemühungen seitens der ESL, den Aufbau eines Verbandes anzuschieben, der verschiedene Stakeholder an einen Tisch holt und einen Austausch zwischen diesen ermöglicht. Unerlässlich wäre hier das gezielte Fördern von Neugründungen und bestehenden Vereinen in der Gründungsphase. Es gilt Know-How zu Vertrag- sowie Vereinsrecht zu vermitteln. Von mir aus darf die Mitgliedschaft im Verband Geld kosten, insofern Gegenwerte in Form von Workshops in diesen und anderen Richtungen geboten würden. Dafür müsste zunächst der Verband seine Tore öffnen und seinen elitären Kreis um zusätzliche Vereine erweitern.

Ich gehe nicht davon aus, dass der eSport bald ohne Vereine dastehen wird, wie es Michael etwas überspitzt darstellt. Fakt ist allerdings, die Konkurrenz wird größer und die Traditionsvereine müssen sich strecken um nicht auf der Strecke zu bleiben. Zusammenschlüsse mehrere Vereine sind eine gute Option um Kräfte zu bündeln.

Das Video von Michael Decker


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