Blog > wiLsoN 01.10.2011 um 17:35 Uhr
Die Idee einer Profiliga
Vor einigen Tagen gab es eine Ankündigung seitens der ESL, dass man das System von Pro und Amateur Series überarbeiten wolle. Aussagen von Mitarbeitern ist zu entnehmen, die finalen Entscheidungen zur letztendlichen Gestaltung stehen noch aus. Grund genug, sich selbst einmal Gedanken über ein faires, attraktives System zu machen.

Zufällig lief mir hierbei eine Übertragung des Senders Eurosport über den Weg. Mal wieder fasziniert von der Präzision der Akteure, ließ ich mich von der Snooker Main Tour und deren System inspirieren. Snooker, eine Variante des Billardsports, verzichtet hierbei gänzlich auf wöchentliche Ligaspiele und setzt vielmehr auf eine moderate Turnierzahl, die sich über Kalenderjahr und Kontinente verteilt. Theoretisch kann man dieses Gefüge national wie international anwenden und so die Verständlichkeit der Zusammenhänge von Turnieren massiv fördern, mit erfahrenen Event-Veranstaltern wie Northcon und Dreamhack kooperieren. Gerade Letztgenannte machte zuletzt durch Expansionspläne von sich reden und wäre sicherlich ein interessanter Gesprächspartner.


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Einblicke ins Snooker-System
Snooker Main Tour +-

Die Snooker Main Tour ist eine Spielsaison der Sportart Snooker, die aus zuvor festgelegten Turnieren besteht. Dazu gehören Weltranglisten- und Einladungsturniere. Die Main Tour beginnt im Spätsommer und endet mit dem Höhepunkt der Saison, der Snookerweltmeisterschaft Anfang Mai. Organisiert wird sie von der WPBSA.

Turniere +-

Im Vergleich zu anderen Individualsportarten ist die Anzahl der Turniere sehr gering. Zu den derzeit drei Einladungsturnieren finden in der Snooker-Saison 2008/09 acht Turniere statt, auf denen Weltranglistenpunkte vergeben wurden. Wegen dieser geringen Anzahl verbunden mit der Möglichkeit, Punkte zu sammeln, treten in der Regel alle Profispieler bei allen Turnieren an. Zudem bekommen gesetzte Spieler automatisch Ranglistenpunkte, da sie ja qualifiziert sind. Das gilt auch bei einer Erstrundenniederlage, ein Startverzicht käme also einem Verschenken der Punkte gleich. Somit treffen schwächere Spieler bei jedem Turnier auf viel höher platzierte und stärkere Spieler und haben keine Möglichkeit, auf kleinere Turniere auszuweichen, um Ranglistenpunkte zu sammeln. Es besteht für schwächere Spieler daher nur die Gelegenheit, bei den Qualifikationen für die Weltranglistenturniere Punkte zu holen. Die Anzahl der Punkte für gewonnene Qualifikationsrunden richtet sich nach der Bedeutung des Turniers, analog zu den Punkten für die Hauptrunden.
Die wenigen Turniere sowie das hochklassige Teilnehmerfeld in jedem Turnier haben zur Folge, dass sehr wenige Spieler tatsächlich ein Turnier gewinnen können. So kommt es vor, dass einige Spieler jahrelang in den Top-Ten der Weltrangliste platziert sind, aber kein einziges Turnier gewinnen, andere aufgrund ihrer zeitweiligen Dominanz sehr häufig. Selbst Spieler wie Ronnie O’Sullivan oder John Higgins, die beide bereits seit über einem Jahrzehnt stetig in der Weltspitze präsent sind, haben erst jeweils zweiundzwanzig bzw. einundzwanzig Ranglistenturniere gewonnen, (Stand: nach Weltmeisterschaft 2010); im Vergleich zu beispielsweise Tennis eine eher bescheidene Ausbeute. Erschwerend kommt hinzu, dass die Leistungsdichte in der Weltspitze sehr hoch ist; es ist keine große Überraschung, als Weltranglistenführender bereits in der ersten Runde zu verlieren und auszuscheiden.

Setzliste +-

Für die Ranglistenturniere sind die ersten sechzehn Spieler der Weltrangliste gesetzt. Dabei gilt für diese Sportart die Besonderheit, dass der amtierende Weltmeister, sofern er nicht gleichzeitig die Rangliste anführt, immer auf Platz zwei der Setzliste steht. Sollte der Fall eintreffen, dass der Weltmeister nicht unter den Plätzen 1–16 der Rangliste steht, fällt der Weltranglistensechzehnte aus der Setzliste und muss sich wie alle Nachfolgenden für die Turniere qualifizieren. Für einzelne Turniere kann dasselbe gelten, da der Titelverteidiger des Turnieres automatisch gesetzt ist, auch wenn er nicht den Top 16 angehört. Dabei entscheidet die Ranglistenposition über die Anzahl der Qualifizierungsrunden. Die Spieler der Positionen 17–32 spielen nur eine Qualifikationsrunde, alle tiefer Platzierten zwei Runden oder mehr.

Qualifikation für die Main Tour +-

Auf der Snooker Main Tour spielen gewöhnlich 96 Spieler. Die 64 Bestplatzierten der Snookerweltrangliste behalten dabei nach der Saison ihren Platz ebenso wie die acht bestplatzierten Spieler, die sich erst im Jahr zuvor für die Main Tour qualifiziert hatten. Acht neue Startplätze wurden jedes Jahr über die Pontin's International Open Series vergeben (die jedoch inzwischen durch die Q School ersetzt wurde); weitere Startplätze erhalten die Sieger der IBSF Amateurweltmeisterschaft, der verschiedenen Kontinentalmeisterschaften sowie einige Erstplatzierte von nationalen Ranglisten. Zudem vergibt die WPBSA häufig einige Wildcards.


Quelle

Der regelmäßige Ligabetrieb würde durch eine spannendere, etwas Event-lastigere Struktur abgelöst werden. Im Prinzip war das ja wohl auch Grundgedanke des zur letzten Saison vorgestellten EPS-Systems. Allerdings operiert man im Snooker nicht mit langweiligen Gruppenphasen, sondern vielmehr mit intensiven Qualifiern, worüber jeder Teilnehmer jedes Mal die Chance auf den Einzug ins jeweilige Hauptturnier hat. Dabei ist eine feste Anzahl über eine Setzliste, die auf einer (inter-)nationalen Rangliste beruht, automatisch qualifiziert. Je nach Platzierung in der Rangliste gestaltet sich die Teilnahme an den Qualifiern. Besser platzierte Teams/Spieler absolvieren automatisch weniger Qualifikationsrunden - vergleichbar mit der heutigen EMS-Regelung (Bsp. CS:S). Die Rangliste spiegelt hierbei den im Zeitraum x erspielten Punktestand wider, sie ist keinesfalls als "ewige Rangliste" einer Ladder zu verstehen. Sinnvoll wäre hier wohl zwei Spielzeiten rückwirkend.

Der Weltmeister ist beim Snooker automatisch für Turniere gesetzt - die aktuelle Platzierung innerhalb der Rangliste ist, in diesem besonderen Fall außer Kraft gesetzt, ein Teilnehmer mehr (der Letzte der Setzliste) muss dadurch in die letzte Runde des vorangehenden Qualifiers. Da insbesondere die Zahl der Events vom Veranstalter und den gegebenen Möglichkeiten abhängt, spare ich mir als Außenstehender an dieser Stelle das Ersinnen eines möglichen Saisonkalenders. Genauso wenig Sinn macht in diesem Moment das Festlegen von exakten Zahlen gesetzter Teilnehmer eines Events, da dies sehr vom Veranstaltungsort und anderen Faktoren abhängt. Hierüber ließe sich aber beispielsweise leicht eine gewisse Wertigkeit einzelner Turniere projizieren. Entsprechend könnte man auch die Punktevergabe für die Rangliste gestalten.

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Man könnte auf diese Weise jedenfalls gleichzeitig die LAN-Szene wieder etwas mehr beleben, indem man Einladungs- oder Ranglistenturniere in Kooperation mit LAN-Veranstaltern austrägt. Zuschüsse an diese durch die ESL würden parallel auch die Zahl der LAN’s erhöhen oder zumindest mittelfristig festigen. Die ESL wäre somit – zumindest in der Theorie – nicht mehr unbedingt auf das Veranstalten eigener IFNG’s angewiesen, könnte sich langfristig mehr aufs Ausrichten der Finals (oder anderer Invite-Turniere) und das internationale Geschäft konzentrieren. Hierfür müssten allerdings entsprechende Partner fürs Ausrichten von LAN’s gefunden werden und das nötige Know-How vermittelt werden, so dass diese das Event im Sinne des Veranstalters ausrichten. Rein praktisch wären die Turniere aber natürlich auch via Internet oder Studio austragbar.

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Pre-Qualifier zur Entscheidung über die Zulassung für ein Event, wo auch Ranglistenpunkte vergeben werden, könnten – zwischen den Turnieren selbst – online ausgetragen werden. Hier fiele auch der Aspekt eines langweiligen Ligaalltags weg, der Zuschauer würde – bei entsprechender Berichterstattung seitens der ESL via ESL TV – spannende Spiele zu Gesicht bekommen. Man sollte auch darauf achten, dass die Main-Events gleichmäßig innerhalb (der Ballungsräume) Deutschlands verteilt sind, so dass die Kosten für eine Anreise bei kleinen Teams nicht explodieren und man sich gezielt Teilnahmen an Qualifiern rauspicken kann. So könnten sich kleinere Teams mittels hoher Aktivität und guter Leistungen jederzeit für nationale Events empfehlen oder zumindest so hoch in der Rangliste platzieren, dass man auf sie aufmerksam wird. Nimmt man nun an, dass während der Qualifikationsturniere die gesetzten Teilnehmer spielfrei haben, gäbe es seitens ESL TV auch fast automatisch freie Kapazitäten, um diese Akteure aus dem zweiten Glied ins Scheinwerferlicht zu rücken. Auch die Vergabe von Wildcards für Lokalteams wäre denkbar, um weitere Zuschauer anzulocken.

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Durch die Übertragung der Qualifier selbst, eine wirtschaftliche Beteiligung daran (Höhe gemessen an der derzeitigen Platzierung des Teilnehmers in der Rangliste) und kleine Preisgelder für die Qualifier könnte so die ESL ohne Weiteres die kleinen Vereine unterstützen. Diese erhielten durch die Übertragungen einen Mehrwert für Fans und Sponsoren; Spieler hätten den Vorteil, dass eine Berichterstattung überhaupt stattfindet, man sich den Vereinen/Sponsoren präsentieren kann. Auch die Online-Presse würde automatisch mehr darüber berichten, weil man sich den Leerlauf zwischen Events nicht leisten könnte. Insofern würde auch die ESL auf diesem Weg Nachwuchsarbeit leisten, wenn man es so nennen mag. Viele der heutigen Redakteure bei Szeneseiten haben schließlich bei Clans angefangen und wollten diese nach außen gut präsentieren. Sichert man die journalistische Präsenz der eigenen Marke, macht man einen Schritt in Richtung Zukunftssicherung des eigenen Unternehmens.

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Den Weg in besser platzierte Mannschaften könnte man für Spieler in Teamwettbewerben verkürzen, indem man etwa zu Anfang und inmitten der Saison ein Transferfenster einrichtet. Hier könnte man beispielsweise die Teilnahme an Wettbewerben der "ESL Pro Tour" (Arbeitstitel) an einen eingetragenen Verein koppeln, so dass auch hier wiederum die Teams davon profitieren und Gelegenheit haben, beständig zu wirtschaften und dadurch mittel- und langfristig erfolgreich zu sein; worüber sich letztendlich auch für Mittelklasse-Teams einfacher Fans und Einnahmen generieren lässt. Gelangen neue Mannschaften in die "Pro Tour", räumt man ihnen eine Lizenz unter Auflagen ein und innerhalb einer Karenzheit ist die Vereinsgründung zu dokumentieren. Einzelspieler sollten keine an einen Verein gebundene Lizenz haben, aber auch nur zwischen den Spielzeiten diesen wechseln dürfen, falls sie sich vor der Saison einem angeschlossen haben. Später sollte das einmal über sichere Verträge zwischen Spieler und Verein geregelt sein, doch sollte man hier den noch zerbrechlichen Vereinsstrukturen Rechnung tragen und auf diese Weise unterstützend eingreifen.

Wunschdenken oder Wirklichkeit? Mehr Präsenz der Spieler auf Events, dadurch mehr Werbung für die Vereine. Höhere Frequenz von Offline-Events seitens der ESL, wodurch die Attraktivität der Liga selbst steigt. Kleinere Vereine rücken wesentlich häufiger in den Fokus der Medien. Ein perfektes Szenario? Sicherlich nicht. Die Reisekosten und die Zeit fernab der Heimat würden für die Beteiligten etwas steigen. Allerdings kann man wohl nur so eine bessere Berichterstattung im Fernsehen erwarten, wodurch wiederum (mehr) TV-Gelder an den Veranstalter und hoffentlich dann auch die Vereine fließen würden. So könnten diese kostendeckend(er) operieren und bei positivem Zuspruch der Zuschauer vor Ort und vor den Bildschirmen sicherlich auch kleine Gewinne erwirtschaften. Ginge man jetzt noch einen Schritt weiter und ersetzte im Zuge dessen die normale Ladder in der ESL, splittet diese in Amateur- und Profiniveau, wäre der Einstieg ins Profigeschäft für Spieler leichter und verlockender; woraus wiederum der Veranstalter in Form von Auflagen wie Premium-Accounts seine Vorteile ziehen und den Amateurbereich refinanzieren könnte.


Sollte ich irgendetwas nicht bedacht oder gedankliche Fehler gemacht haben, so hinterlasse mir doch bitte hier einen entsprechenden Kommentar.

Kommentare: 2
Seite [1]
luNiii

28.03.2015

Ort: Vaihingen/Enz
Beiträge: 129
# 1 - 14.04.2012 um 01:35 Uhr

^^




Zuletzt editiert von luNiii, am 14.04.2012 um 01:36 Uhr (1x Editiert)
x0ne

23.11.2015

Ort: Rheinberg
Beiträge: 543
# 2 - 07.01.2013 um 12:56 Uhr

sehr schön geschrieben. das wäre meiner meinung nach eine gute lösung


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