Blog > wiLsoN 01.08.2011 um 16:28 Uhr
Von Nachwuchs, zweierlei Maß und Vitamin B
Die Nachwuchsthematik ist sicherlich eine schwierige und die Lösung wird sich auch nicht innerhalb meines Blogs finden, jedoch nenne ich ein paar Aspekte, die zumindest teilweise dafür verantwortlich sein dürften. Sicherlich wird sich im Nachfolgenden einiges auf die Electronic Sports League (ESL) beziehen. Dennoch möchte ich darauf hinweisen, dass dies keine destruktive Kritik, sondern vielmehr ein Fingerzeig sein soll.

Wir schreiben das Jahr 2009 und die ESL versucht gerade mit einem relativ neuen Ansatz die Spieler- und Zuschauerzahlen von Counter-Strike 1.6 (CS) zu fördern, indem eine gesonderte erste Division der ESL Amateur Series (EAS) eingeführt wird. Mittels dieses Systems, das dem der ESL Pro Series (EPS) gleichen soll, sollen Nachwuchsspieler gefördert werden. Sie sollen eine Bühne erhalten, um sich zu beweisen. In der ersten Saison war das Interesse von Spielern und Verantwortlichen groß, nahm man doch an, dass zumindest die Topspiele Berücksichtigung auf ESL TV finden würden. Verwaist durch die ESL fristet diese Liga, die gerade in Fifa als besondere Neuheit wieder aufgewärmt wird, ihr Schattendasein. Nur warum?

Natürlich könnte man jetzt mit dem Totschlagargument schlechthin kommen, CS stirbt. Allerdings möchte ich diesem Gedanken direkt einen Riegel vorschieben, denn im Prinzip dient CS hier nur als Beispiel. Anwenden kann man meine Ideen auf quasi jedes Spiel, das der Unterteilung in EAS, EAS 1st Division und EPS unterliegt. Man könnte die folgende Liste der Erschwernisse noch um diverse Punkte erweitern und das Thema von ganz weit draußen aufrollen, auf die mangelnde politische und gesellschaftliche Akzeptanz und daraus resultierenden Schwierigkeit bei Sponsorensuche etc. eingehen. Aber das soll hier nicht das Thema sein, sondern vielmehr die hausgemachten Probleme.

Einige davon sind:
  • Clans wirtschaften falsch, schlecht oder gar nicht
  • Mangelnde Akzeptanz innerhalb der Community
  • Kaum Werbung für diese Ligen
  • Anreize zur Teilnahme fehlen massiv

Näher ausgeführt:
Clans wirtschaften falsch, schlecht oder gar nicht

David „affentod“ Hilscher sprach es kürzlich in einem Interview an, viele Clans haben ungenutztes Potenzial, von dem sie vielleicht selbst nicht einmal etwas wissen. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass viele von den dahinterstehenden Leitern nicht unbedingt die nötigen betriebswirtschaftlichen Kenntnisse mitbringen, um ein solches zu erkennen und weiterführend auch adäquat zu nutzen. Vielmehr verlässt man sich auf Sponsoren, die man erst ab einem gewissen spielerischen Level der eigenen Teams an Land ziehen kann.

Gleichermaßen bedeutet dies natürlich auch eine gewisse Abhängigkeit und Gehemmtheit in Richtung des Wirtschaftens. Somit werden meist auch die Akteure mit einigen kleinen Bonbons fürs Spielen abgespeist, mehr ist vielerorts einfach nicht drin. Das kollidiert häufig mit den Vorstellungen der Spieler und ihrem Streben nach spielerischem Erfolg und Anerkennung fürs Ausüben ihres Hobbys. Somit zieht es sie immer in die möglichst höchste Liga, wo Geld und Anerkennung winken. Langjährige Begleiter und eine tolle Community im kleineren Clan bleiben für ein oftmals wenig erfolgreiches „Söldnerteam“ gern auf der Strecke.

Mangelnde Akzeptanz innerhalb der Community

Vielerorts wird die EAS 1st Division als unterklassig abgetan und die Mentalität der Community selbst tut ihr Übriges. Statt sich über neue, talentierte Spieler, die den Sprung in eine höhere Spielklasse geschafft haben, zu freuen, werden sie denunziert, mundtot gemacht und schlimmstenfalls solange des Cheatens beschuldigt, bis die zuständigen Liga-Administratoren reagieren und den Spieler sperren. Ob das nun wirklich so passiert, sei mal dahingestellt. Es ist zumindest die landläufige Meinung, die man auf einigen Plattformen findet, und dient hier rein zur etwas überspitzten Reflexion. Eins merken jedoch gerade eSportler wie kein normaler Sportler: Die Reaktionen der Community sind hart und äußerst direkt. Man bewegt sich in einem Raum, der sehr schnelllebig ist und wo alle Fehler gnadenlos dokumentiert werden. Und "typisch Deutsch" werden diese viel häufiger aufgezeigt als Dinge, die man gut macht. Ganz platt formuliert: Deutsche kritisieren lieber, als dass sie loben.

Kaum Werbung für diese Ligen

Die Frage, die sich nun stellt, ist doch, warum ist dies die Meinung der Community? Einerseits ist es sicherlich die nicht unbedingt gläserne Arbeitsweise der ESL. Bestes Beispiel ist hier die Einführung von Trusted Pro: Statt alle Spieler hierauf vorzubereiten, gibt es (zumindest meines Wissens nach) keine wirklich Ankündigungs-News, dass dies zur kommenden Spielzeit verpflichtend wird, obwohl es schon sehr früh (im März) feststand. Die Aufsteiger müssen stattdessen auch dies noch in der Sommerpause erledigen. Dabei hat die Vergangenheit gezeigt, dass die Selbstorganisation der Spieler nicht immer die Beste ist.

Ein anderer, wichtigerer Aspekt in diesem Zusammenhang ist die mangelnde Promotion für die Ligen. David “affentod“ Hilscher hat es auf fragster.de in einem Blog angerissen, auch die Online-Presse hat Nachwuchsprobleme. Neben den eigenen Artikeln lebt man insbesondere von der Aktivität der Community und von den Schlagzeilen, die fleißig eingesandt werden. Aktuell ist Saisonwechsel und man erblickt, schaut man heute auf readmore.de und fragster.de, genau eine einzige Schlagzeile zu den Kadern der kommenden Saison der CS EAS 1st Division. Das Einblenden solcher tut den Seitenbetreibern nicht wirklich weh und für die „Kleinen“ im eSport ist dies ein wichtiger Vermarktungsweg, werden doch heutzutage die Clanseiten nur noch vergleichsweise wenig frequentiert. Nur war dies nicht die einzige Schlagzeile, die in der Redaktion einging - fragt sich, warum wurde nur diese veröffentlicht? Wird hier mit zweierlei Maß gemessen? Die Frage ist natürlich rhetorisch. Nur das „Warum?“ und die Frage, nach welchen Kriterien die Schlagzeilen ausgewählt werden, bleiben.

Anreize zur Teilnahme fehlen massiv

Genau dies ist auch wieder die Kernfrage, die sich Verantwortliche wie Spieler stellen. Warum sollte ich / sollte mein Verein an der EAS 1st Division teilnehmen? Die allgemeingültige Antwort: Es ist und bleibt die Qualifikation für die EPS. Allerdings hat man damit dann auch fast schon das Ende der Fahnenstange erreicht, wenn man nach guten Gründen sucht. Leider. Es gibt in der Liga für Clans absolut kein Geld zu verdienen, kann Teams hierüber kaum refinanzieren. Natürlich kann man jetzt argumentieren, dass man überall Geld investieren muss, will man etwas erreichen. Nur bleibt der fade Beigeschmack, dass die Liga selbst äußerst wenig für den Nachwuchs tut.

Würde man einen Verantwortlichen der ESL dazu befragen, gäbe es wohl die marketingwirksame Antwort, dass man ja schließlich zur vergangenen Saison ein neues Baby, den Ligapokal, eingeführt habe. Aber mal ehrlich: Der Sieger nimmt ein paar Euro mit und im Normalfall zeigen zwei EPS-Teams mehr Präsenz auf den Finals. Das hilft dem Nachwuchs reichlich wenig. Jetzt versucht man es mit dem Zeigen von Partien auf ESL TV. Doch muss sich erst noch zeigen, ob das Experiment glückt, ob man hier nicht wieder nur die üblichen Verdächtigen zu Gesicht bekommt. David “affentod“ Hilscher hatte angedeutet, dass Clans sich nicht auf ihre Sponsoren verlassen sollen. Genau die werden aber durch eine Präsenz des von ihnen unterstützen Clans auf ESL TV angesprochen. Das kann und darf also eigentlich nicht das Nonplusultra sein, was die ESL für die „Kleinen“ tun kann, zumal die dadurch erwirtschafteten Gelder zu hundert Prozent in die eigene Tasche gehen.

Gedanken hierzu:
Es ist noch viel zu tun in eSport-Deutschland. Will die ESL mehr zahlende Kunden, braucht man eine breite Akzeptanz für die Inhalte, die man vermarktet - sei es auf der Webseite, auf ESL TV oder anderswo. Gerade für eine deutsche Firma ist es doch immens wichtig, dass der Nachwuchs im eigenen Land gefördert wird, damit man mittel- und langfristig konkurrenzfähig bleibt und -stark überzeichnet- letztendlich die eigenen Mitarbeiter nicht die einzigen Deutschen auf einem der ach so gelobten internationalen Events sind.

Warum sucht die ESL nicht den Dialog mit den Betreibern von Szeneseiten wie fragster.de und readmore.de und versucht hier die eigenen Ligen noch besser zu promoten oder zumindest den Clans die Möglichkeit zu geben, dies zu tun? Gab es solche Gespräche? Sind sie gescheitert? teamKR wurde jedenfalls nie kontaktiert. Warum nutzt man nicht das Potenzial der eigenen Webseite und veröffentlicht dort mehr als nur die lapidare Spieltags-News zur EAS 1st Division? Viele Clans veröffentlichen fleißig News zu ihren Teams und deren Spielen. Warum führt man nicht zusätzlich in der jeweiligen Sektion eine Schlagzeilen-Rubrik ein, in der die Inhalte der Clans gespiegelt werden?

Das neue EPS-System wird teilweise heute noch von so manchem Spieler und Verantwortlichen kritisch beäugt. Warum nutzte man nicht vorab die EAS 1st Division als Plattform für solche Tests? Dadurch wäre diese automatisch erneut vermehrt ins Gespräch gekommen. Man imitiert im Hause der ESL scheinbar gern den realen Sport, orientiert sich mit dem Ligapokal und dem neuen EPS-System gewissermaßen stark am Fußball. Warum gibt es hier keine Siegprämien für die Clans? Schon kleine Beträge helfen den meisten Verantwortlichen hier durchaus weiter. Selbst in der EPS wird das Geld, das Teilnehmern durchs Sammeln von Strafpunkten aberkannt wurde, prozentual eher dem EPS-Sieger als beispielsweise der Mannschaft mit den wenigsten Strafpunkten am Saisonende ausgeschüttet. Warum?

Ideen und Werbung sind die Stichworte, nur über diese werden die Akzeptanz der Community und die Konkurrenz unter den Clans weiter steigen. Konkurrenz belebt langfristig das Geschäft und zwingt zu Innovation, welche wiederum zu Konkurrenzfähigkeit führt - und das auch bei unseren Spielern und Teams. Und das führt schließlich zu mehr Interesse an der Liga selbst. Das funktioniert allerdings nur, wenn diese auch etwas an die Vereine zurückgibt und nicht nur die für sich selbst nützlichen Aspekte des realen Sports nachahmt.


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